Pink Floyd spielten The Dark Side of the Moon am 16.8.1994 im Niedersachsenstadion in Hannover

Von Thomas Pankow

Das Jahr 1994 sollte in Bezug auf Pink Floyd endlich wieder ein besonderes werden. Aufregend wurde es, als Ende 1993 eine neue Platte und eine Tour angekündigt wurde. Album und Tour wurden lange vor dem Verkaufsstart beworben. Etwas befremdlich fand ich, dass VW als Werbepartner auftrat. Der Golf als „Pink Floyd“-Sondermodell war mir etwas suspekt, sollte aber meine Freude auf das Album und die Tour nicht trüben.

Schließlich gab es die ersten Tourdaten und zum Vorverkaufsstart konnte ich für das Konzert in Hannover Innenraumkarten für drei Freunde und mich kaufen. Wenig später wurde das Konzert (damals noch für den 23. August geplant) als ausverkauft gemeldet. Im März 1994 hörte ich abends beim Billardspielen in einer Radiosendung erstmals „Keep Talking“. Ungewöhnliche Klänge von meiner Lieblingsband, ich wurde aber umso neugieriger auf das Album. Wie seit „The Wall“ kaufte ich mir das Album gleich am Erscheinungstag und meine Begeisterung nahm durch fast tägliches Hören immer mehr zu. Kurz nach Veröffentlichung gab mir der Verkäufer des hiesigen Musikgeschäfts eine interessante Promotion-Mappe mit Werbeaktionen, Konzertdaten, VW-Kampagne, die Zeppelinaktionen, „Das Aktuelle Pink Floyd Bestelltelefon“ von EMI und einigem mehr.

Vor dem Start der Europatour gab es die ersten Aufnahmen aus den USA („The Live Bell“), Livebilder in Musikmagazinen (z. B. ME/Sounds vom Konzert in Miami) und Fernsehberichten (MTV, VH-1). Das nahm etwas die Spannung bezüglich der Bühne und Beleuchtung, minderte aber nicht die Vorfreude. Die Single „Take It Back“ mit der Liveversion von „Astronomy Domine“ war ein kleiner „Teaser“ für das Konzert. Auch dieses Stück sollte meinen Player in Schwung halten.

Lange Zeit stand das Konzertdatum in Hannover für den 23. August, erst als mit Gelsenkirchen und dem Zusatzkonzert in Hannover weitere Termine dazukamen, wurde es auf den 16. verschoben. Ich war froh, dass ich meinen Urlaub in dieser Zeit hatte. Mir tun heute noch die leid, die das Konzert deshalb nicht miterleben konnten.

Der Dienstag kam und wir machten uns am frühen Nachmittag auf den Weg nach Hannover. Vorher aßen am Maschsee noch etwas und nahmen ein Hopfengetränk zu uns. Die Idee hatten scheinbar auch noch andere, es war ziemlich voll. Schließlich am Stadion angekommen, waren der Vorplatz bereits recht voll. Der Einlass brauchte einige Zeit, war aber unkompliziert. Meine langjährige japanische Begleiterin der Firma Minolta kam problemlos mit durch die Kontrollen, trotz explizitem Hinweis auf den Karten: „… das Mitbringen von … Fotokamera … ist … nicht gestattet. … Fotoaufnahmen … sind … nicht gestattet. Mißbrauch wird strafrechtlich verfolgt. …“ Das hat mich auch diesmal, wie schon die Jahre zuvor, nicht abhalten können.

Wie üblich erstand ich als erstes ein Tourprogramm. Dann im Innenraum angekommen fanden wir einen guten Platz mittig, leicht links, zwischen Bühne und dem gigantischen Aufbau der eindrucksvollen mehrstöckigen Ton- und Lichtanlage. Erst später sollte sich offenbaren, was darin noch verborgen war… Die Wartezeit begann, das Stadion füllte sich weiter. Trotz der Menschenmenge war es entspannt und friedlich, ich hatte das Gefühl alle waren gut drauf und in Erwartung dieses Ereignisses irgendwie geeint. Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit begannen allerlei ineinander übergehende Geräusche im Stadionrund zu ertönen. Synthesizer-Sequenzen, die mich an die früheren Tangerine Dream erinnerten, Tiergeräusche, Geplätscher, Rasenmäher, Kirchenglocken, kurzzeitig eine Melodie (kannte ich die nicht vom neuen Album?), Motorsägen und mehr. Das Ganze ging gute zwanzig Minuten und gab einen Vorgeschmack zu was die 360° Beschallung in der Lage sein würde. (Dieses „Vorspiel“ erschien ein Jahr später nur auf der PULSE Audiokassette nach „Run Like Hell“ auf Seite vier, die Kassette hatte ich mir nur wegen dieses Stückes gekauft)

Als die Töne verstummten brauchte es noch eine Weile, bis die Musiker die Bühne betraten. Sie wurden frenetisch gefeiert und die ersten Töne erklangen. Anfangs war es noch recht hell. Licht und Laser auf der Bühne kamen aber schon recht gut zur Geltung, Mr. Screen fehlte noch. „Shine On …“, mit „originalem“ Saxophon von Dick Parry war ein würdiger Opener des Konzerts. „Learning To Fly“ folgte, besonders waren grüne Laser, und weiße röhrenförmige Lichtkegel vom Bühnendach visuelle Effekte und musikalisch Tim Renwicks ausuferndes Gitarrensolo zum Ende hin. Das erste neue Stück „Take It Back“ gewann live deutlich hinzu. Zum Gitarrensolo schwebten grüne Laserfächer über uns und es ging allmählich zu „Sorrow“ über. Die Gitarre ging durch Mark und Bein, es bebte förmlich. Laserkegel, durch die Nebel zog, erzeugten ein magisches Licht. Farbwechsel zum pulsierenden Rhythmus untermalten die Soli, eine Licht- und Soundorgie.

Hammerschläge auf der Glocke läuteten im wahrsten Sinne des Wortes den zweiten neuen Song „High Hopes“ ein. Der Höhepunkt hier das episch lange Steelguitar-Solo. Danach startete „Keep Talking“, in den Nachthimmel leuchteten grüne Laser, bei David Gilmours Gesang strahlten Lichter am vorderen Bühnenrand kryptisch anmutende Zeichen nach oben, bis es in Gilmours Solo mit der Talkbox überging. Diese Art von Verfremdung war mir bislang nur von „Animals“ und besonders von Peter Framptons genialem „Frampton Comes Alive“ bekannt (ich meine gelesen zu haben, dass es recht ungesund sein soll). Telefonzeichen und Hubschraubergeräusche mit von der Bühne ins Publikum strahlenden „Suchscheinwerfern“ kündigten „Another Brick… part 2“ an. Beim Einsatz des Gitarrenriffs, leuchteten die Laser wechselnd im Takt. Das Publikum begleitete den Song mit rhythmischem Klatschen und stimmte im Chor mit ein.

Windgeräusche kündigten „One Of These Days“ an, dann der Bass. Licht „wanderte“ über der Bühne entlang. Spektakulär mit den Keyboards, Percussion, Drums und schließlich Gilmours Steelguitarsolo und der Lichtshow. In der Zwischensequenz „tanzten“ unter dem rot beleuchteten Bühnendach grünliche, wechselnd kleiner und größer werdende Lichtringe. Der Song wurde unglaublich ausgedehnt, die durchlaufende Basslinie, fast nicht enden wollend Gitarren und Keyboardsequenzen, hämmernde Drums und das rauschende Finale des Songs mit den beiden rechts und links der Bühne mit Leuchtaugen versehenen, fast mittanzenden Schweinen auf den Türmen. Mit wahnsinnigem Lichtspektakel und Pyrofontänen endete Stück. Alles zusammen machte den Song zu einem wahrlich psychedelischen Rausch. Danach verabschiedete sich die Band in die Pause.

THE DARK SIDE OF THE MOON

Nach der Pause begann es auf dunkler Bühne mit dem berühmten Herzklopfen und den im Pulsrhythmus laufenden farbigen Wellen über den jetzt auf der Bühne installierten Mr. Screen. Ich wusste nicht, dass auf der Tour wenige Male das komplette „Dark Side Of The Moon“-Set aufgeführt wurde. Der Beginn mit „Speak To Me“ und Übergang in Breathe ließ mich erahnen, dass ich vielleicht erstmals in den Genuss kommen könnte die gesamte Platte live zu erleben. Als dann zum Ende von „On The Run“ links hinter mir hörte, dass etwas im Anflug war und ich beim Umsehen das Flugzeug sah, war es mir klar. Es „flog“ links über mir vorbei und krachte mit lautem Knall und hellem Pyroblitz links neben die Bühne. „Time“ war zunächst von einem großartigen neuen Film begleitet. Nach „Breathe Reprise“ der Übergang zu Rick Wrights Pianotönen, das überwältigende „The Great Gig In The Sky“. Der Gesang der Sängerinnen, der Film auf Mr. Screen und Gilmours gefühlvolle Gitarre brachten mir Schauer auf den Rücken. Ich hätte es noch länger hören und sehen können … Mit den Kassengeräuschen und der vertrauten Melodie des Basslaufs begann „Money“. Guy Pratts Bass, Gilmours Soli und Dick Parrys Saxophonsolo wurden vom Film und schneller wechselnder Lightshow begleitet. Diese Version war kürzer als die von 1988. Eines meiner langjährigen Lieblingstücke war „Us And Them“, die großartigen Melodien, das Wechsel- und Zusammenspiel zwischen Piano, Saxophon und Gitarre mit den sanften und aufwühlenden Passagen. Das alles in Kombination mit den Filmen und der Lightshow war einfach phantastisch. Der folgende „Bruch“ durch „Any Colour You Like“ mit Rick Wrights eindringlichen Keyboards und David Gilmours Gitarre. Begleitet von ständigen Farbwechseln auf der Bühnenwand und verschiedenfarbiger, bunter Bestrahlung von Mr. Screen, zwischendurch die Projektion von fließenden Öltropfen. Ein Song, der meiner Meinung nach oft unterbewertet wird, einen ganz eigenen Reiz hat. Dann „Brain Damage“ u. a. mit den Projektionen der „Mächtigen“ der Welt und „Eclipse“ von Explosionen und Auge auf der Leinwand, bis sich der Mond vor die Sonne schiebt. Langer und enthusiastischer Jubel der Zuschauer, nachdem der letzte Ton verklungen war. Im weißen Bühnenlicht verabschiedete sich die Band, David Gilmour bedankte sich und wünschte eine gute Nacht.

Nach einer Pause erklangen die ersten Gitarrentöne von „Wish You Were Here“, beim Einsatz des Gesangs stimmte das ganze Stadion mit ein, Feuerzeuge gingen an. Zu der Beginn von „Comfortably Numb“ ebenfalls Jubel. Während des zweiten Solos erhob sich aus dem Aufbau mitten im Stadion langsam die riesige Spiegelkugel, auf die ich erst durch die Reaktion des Publikums aufmerksam wurde. Sie verwandelte das Stadion in ein Meer von tausenden Lichtpunkten. Als ich mich zwischendurch von der Kugel wieder zur Bühne wandte, neigte sich Mr. Screen und schwebte wie eine rundum beleuchtete Scheibe über den Musikern zu. Ich wusste gar nicht wo ich hinsehen sollte, zur Bühne zu David Gilmours Solo oder zur Spiegelkugel. Während die Kugel sich öffnete und noch helleres Licht heraus strahlte, spielte Gilmour sein phantastisches Solo weiter. Zum Ende hob sich Mr. Screen bis unter das Bühnendach. Die angestrahlte Kugel drehte sich weiter bis die Gitarrenriffs zu „Run Like Hell“ einsetzten und verschwand. Als der Song richtig loslegte, verwandelte sich die Bühne in ein wahres Licht- und Laserspektakel. Pyrofontänen schossen in einem fort vom Bühnenrand. Hinter der Bühne schossen Feuerwerkraketen in den Himmel und zum Finale explodierte Feuerwerk rund um die Leinwand. Die Band verabschiedete sich unter tosendem Jubel und Applaus, David Gilmour sprach unter Ovationen seine Abschiedsworte. Das Publikum feierte die Band enthusiastisch.

ÜBERWÄLTIGENDES EREIGNIS

Nach nun etwa drei Stunden war dieses großartige Konzert leider vorbei. Ich hatte den Eindruck, dass außer mir auch alle anderen überwältigt waren. Ich brauchte einige Zeit wieder ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Eine einzigartige Mischung aus genialer Musik, beeindruckender Lichtshow und -choreographie und Effekten. Allein das damals schon über zwanzig Jahre alte „The Dark Side Of The Moon“ zu hören und zu sehen war phänomenal und als weiteres von vielen Highlights werden mir „One Of These Days“ und „Comfortably Numb“ immer im Gedächtnis bleiben. Das Konzert war für mich das beste dieses Jahrzehnts.

Schließlich machten wir vier uns auf den Weg aus dem Stadion, der naturgemäß länger dauerte als der Weg hinein. Auf dem Heimweg brachte ich meine drei Mitstreiter jeweils noch nach Hause. Es muss sicher schon nach drei Uhr morgens gewesen sein, als ich bei mir zuhause eintraf. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück noch zum zweiten Konzert am 17. August fahren sollte, entschied mich dann aber aufgrund des schlechter werdenden Wetters dagegen. Als ich später erfahren habe, dass es eine völlig andere Songliste gab, mit Liedern, die ich auch gerne gehört hätte, habe ich mich etwas geärgert. Und gleichzeitig war ich froh dieses Ereignis erlebt zu haben. An den Tagen nach den Konzerten kaufte ich mir jeweils die Hannoversche Allgemeine, um die Konzertkritiken zu lesen und meiner Pink Floyd-Sammlung hinzuzufügen. Diese waren wie in den vergangenen Jahren gemischt. Für mich sind sie trotzdem schöne zusätzliche Erinnerungsstücke.

Zu dieser Zeit hatte ich fest damit gerechnet, dass es in einigen Jahren wieder eine neue Platte und eine neue Tournee geben würde. Die Geschichte hat mich leider eines Besseren belehrt.

Einen guten und interessanten Eindruck von den Konzertvorbereitungen und dem ganzen Drumherum sowie Eindrücken vom Konzert selbst liefert der knapp halbstündige Bericht von 3sat über das Berlinkonzert vom 31. August. Zu finden auf YouTube unter „Pink Floyd – In Berlin 1994 – TV documentary“.

Konzert-Statistik:

  • Tour: The Division Bell
  • Termin: 16.8.1994, Dienstag
  • Veranstalter: Mama Concerts & Rau
  • Spielstätte: Niedersachenstadion (heute Heinz-von-Heiden-Arena)
  • Besucher: 60.000, sold out
  • Adresse: Robert-Enke-Straße 3, Hannover
  • Ticketpreise: 60 bis 70 DM
  • Einlass: 17:00 Uhr | Showtime: 20:15 Uhr

Pink Floyd

  • David Gilmour: lead vocals, acoustic, electric, steel guitar, talk box
  • Rick Wright: Keyboards, Piano, Vocals
  • Nick Mason: drums, percussion, Gong, Church Bell

With:

  • Jon Carin: Keyboards, Vocals
  • Guy Pratt: Bass Guitar, Vocals
  • Gary Wallis: Percussion, Drums
  • Tim Renwick: Guitars, Backing Vocals
  • Dick Parry: Saxofon
  • Sam Brown: Backing Vocals
  • Claudia Fontaine: Backing Vocals
  • Durga McBroom: Backing Vocals

Soundcheck:

  • Marooned

Setlist:

Set 1

  • Soundscape 21:30 (released as Easter Egg on Pulse Cassette)
  1. Shine On You Crazy Diamond (Parts 1–5)
  2. Learning To Fly
  3. Take It Back
  4. Sorrow
  5. High Hopes
  6. Keep Talking
  7. Another Brick In The Wall (Part 2)
  8. One Of These Days

Set 2 THE DARK SIDE OF THE MOON

  1. Speak To Me
  2. Breathe
  3. On The Run (Flugzeug)
  4. Time
  5. Breathe Reprise
  6. The Great Gig In The Sky
  7. Money
  8. Us And Them
  9. Any Colour You Like
  10. Brain Damage
  11. Eclipse

Encores

  1. Wish You Were Here
  2. Comfortably Numb
  3. Run Like Hell

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1 Antwort

  1. Werner Werner sagt:

    Vielen DANK, Thomas!

    Und vor Hannover ’94 hatten Pink Floyd in München, am 12.10.1973 Dark Side komplett gespielt.

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