Roger Waters inszenierte „The Wall”-Mammutkonzert am 21. Juli 1990 in Berlin

Von Thomas Pankow

Inzwischen liegt das Mammutkonzert von Roger Waters The Wall in Berlin auch schon wieder 36 Jahre zurück. Meine persönlichen Erinnerungen daran beginnen im Laufe des ersten Halbjahres 1990, in dem ich von der Veranstaltung Notiz nahm. Geschichtlich bemerkenswert aus heutiger Sicht die Anmerkung auf der Ankündigung: „Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen, auch in Ost-Berlin und der DDR erhältlich.“ Mir war damals sofort klar, dass ich dabei sein muss. 1981 zweimal Pink Floyd in Dortmund, 1984 David Gilmour in Hamburg, Roger Waters NICHT in Dortmund, 1988 Pink Floyd in Hannover und 1989 in Hamburg. In diesen Zeiten war es völlig unklar ob und wann es wieder Chancen auf Konzerte geben würde.

Beim Vorverkaufsstart habe ich gleich zugeschlagen und eine Karte gekauft. Bei diesem Ereignis würde ich alleine unterwegs sein (bis auf die anderen ca. 349.999 Konzertbesucher 😉).

Am Vormittag des 21. Juli fuhr ich mit meinem treuen Daimler 240D /8 in Lüneburg los. Ich war früher häufig mit meinem Vater in Berlin. Es ging über den ehemaligen Grenzübergang Zarrentin und die mir daher schon aus DDR-Zeiten vertraute Transitstrecke. Nun aber erstmals nach Fall der Mauer. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl so uneingeschränkt nach Berlin fahren zu können. Am Stadtrand ging es an den russischen Kasernen vorbei, bis ich in die Stadt selbst kam. Westberlin war mir sehr vertraut, es ging über die ewig lange Heerstraße, über die riesigen Kreisverkehre bis zur Straße des 17. Juni, über Hofjägerallee und Tiergartenstraße. Nach etwa dreieinhalb Stunden Fahrzeit fand in einer nahen Seitenstraße einen guten Parkplatz und hatte es zum Eingang A an der Lennéstraße nicht weit. Es waren schon sehr viele Leute unterwegs und strebten dem Platz zu. Mit Ticket und meiner guten alten Minolta bewaffnet suchte ich den Einlass, der bereits geöffnet war. Dort wurde meine Kamera moniert, ich sollte sie wegbringen. Das kam für mich nun überhaupt nicht in Frage. Kurzerhand verstaute ich sie in sicherer Entfernung an meinem Körper und versuchte mein Glück erneut. Es wurde nur rasch der Kontrollabriss von der Karte entfernt (ich hatte mir schon länger angewöhnt kurz vor Eintritt den Abriss hin und her zu falten, damit nicht plötzlich die halbe Karte abgerissen wurde), bekam eine der bekannten Pink-Masken angeboten, die ich gerne nahm und ich war „drin“. Auf der Rückseite der Maske stand die „Bedienungsanleitung“, plus einige Hinweise zum Anlass der Veranstaltung:

BITTE HALTE DIESE MASKE VOR DEIN GESICHT, WENN DIE LIEDER „EMPTY SPACES“ IN DER ERSTEN HÄLFTE UND „WAITING FOR THE WORMS“ IN DER ZWEITEN HÄLFTE DER AUFFÜHRUNG GESPIELT WERDEN.

Nun sollte erstmal eine lange Zeit des Wartens beginnen, vom frühen Nachmittag bis um etwa halb zehn abends. Das wurden ziemlich harte Stunden. Ich hatte mir zunächst im vorderen Bereich einen Platz gesucht mit brauchbarer Sicht auf die Bühne/Mauer und mich, wie fast alle anderen auch, auf den Boden gesetzt. Zunächst noch mit gutem Abstand zu anderen, aber die Menschenmassen nahmen allmählich deutlich zu. Es war sehr warm, ich würde sogar sagen heiß, ein zeitweise recht ordentlicher Wind fegte über den staubigen Platz und es wurde enger. Ich weiß nicht mehr wie viele Stunden mittlerweile vergangen waren, aber ich merkte in der Enge der Menschenmasse, wie mein Herzschlag zunehmend schneller (lange anhaltender Puls von 140 – 150) und stärker wurde. Inzwischen lief schon das Vorprogramm, von dem ich zugegebenermaßen nicht sonderlich viel mitbekam. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten. In Sorge, dass ich das Konzert nicht mehr erleben würde, umkippe, kollabiere oder etwas in der Art wusste ich nur, dass ich erstmal aus der Masse raus musste. Ich habe mich dann rechts zur Platzseite durchgekämpft, stand dann an der VIP-Tribüne in der Nähe eines Ausgangs. Nun hatte ich mehr Raum um mich und erstmal was getrunken. Allmählich ging es mir wieder besser und ich gewann wieder Zuversicht das Konzert doch noch zu sehen. Ich war nun nicht mehr so nah zur Bühne wie zuvor, rechts außen etwas hinter dem ersten Beleuchtungs-/Beschallungsturm, die linke Mauerseite konnte ich nur durch das Gerüst des Turms sehen. Aber ich war froh hier zumindest wieder ruhigen Puls und einen von Zuschauern unverstellten Blick zu haben. Es näherte sich der Beginn der eigentlichen Show. Der Blick zurück über die Zuschauermenge verschlug mir fast die Sprache. Eine solche Menschenmasse hatte ich bisher nur 1983 im Bonner Hofgarten bei der Friedensdemo gegen den NATO-Doppelbeschluss erlebt. Damals sollen es je nach Meldung bis zu 500.000 Menschen gewesen sein. Aber dort empfand ich es als weniger eng und es war Oktober und damit kühler.

Es wurde langsam dämmeriger und endlich begann das ersehnte Spektakel. Ich gehe mal nicht auf die einzelnen Lieder ein, das wurde glaub ich schon ausreichend getan. Vielleicht so viel: ich fand es komisch, dass ich hier Roger 6 Jahre nach der Konzertabsage in Dortmund und die Scorpions etwa 10 Jahre nach Ausfall ihres Konzerts in Lüneburg gemeinsam erlebte. Von den technischen Problemen mal abgesehen fand ich das ganze überaus spektakulär, eine Wall-XXL-Ausgabe. Unglaublich die Dimensionen der Bühne, der Mauer und auch die beeindruckenden Showelemente wie das Vorfahren der Scorpions in der weißen Limousine, Pyroeffekte, die herabschwebenden kleinen Fallschirme, der echte Hubschrauber über uns zu ‚Happiest Days Of Our Lives‘, der gigantische Lehrer, das vom Kran eingesetzte fehlende dreieckige Mauerteil bei ‚Mother‘ (das vorher noch neben der VIP-Tribüne auf seinen Einsatz wartete), einige mir vertraute – aber auch neue –  Filme auf dem riesigen Screen, der Aufmarsch der fackeltragenden Soldaten, in riesigen Lettern ‚BRING THE BOYS BACK HOME‘ über die ganze Mauer, der auf die Bühne fahrende Krankenwagen und die Gitarrensoli von Rick di Fonzo und Snowy White auf der Mauer zu ‚Comfortably Numb‘, die sich von der Mauer abseilenden Einheiten, das monströse grimmige Schwein auf der Mauer das einige Steine herunterstieß, (klein erkennbar) Roger in Uniform auf dem riesigen Podium vor der Mauer mit dem Tieflader davor auf dem die Scorpions spielten, die marschierenden Hämmer über die ganze Breite projiziert, der Richter (Albert Finney) auf der Empore, der Lehrer (Thomas Dolby) wie eine Marionette vor der Mauer baumelnd und schließlich das donnernde Einstürzen der Mauer mit dem abschließenden, mich überraschenden, versöhnlich klingenden ‚The Tide Is Turning‘.

Nachdem ich das gerade erlebte noch eine Weile auf mich nachwirken ließ machte ich mich auf den Weg zum naheliegenden Ausgang kam somit rasch vom Platz. Ich schlenderte zu meinem Auto und fuhr glücklich und zufrieden durch die laue Nacht nach Hause. Im Autoradio hörte ich die ganze Fahrt Pink Floyd Kassetten. Zuhause wartete auf mich dann noch die VHS-Aufnahme der TV-Konzertübertragung, die meine damalige Freundin auf meine Bitte hin aufgenommen hatte. Ich weiß heute nicht mehr, welche Fassung da drauf ist und kann es mangels Recorder auch nicht überprüfen.

Was das Musikalische betraf, muss ich sagen, dass ich die verschiedenen Besetzungen in den Songs und die daraus resultierenden, sehr abweichenden Gesangsparts durchaus als gelungen erlebt habe. Ich wusste ja, dass mich hier diesbezüglich etwas mir Unbekanntes, Neues erwartete. Vielleicht lag es daran 1981 in Dortmund zweimal The Wall erlebt zu haben, dass ich zum Beispiel ‚Comfortably Numb‘ völlig okay fand. Auch weil ich Van Morrisons Musik und seine Stimme mag. Und die theatermäßige Inszenierung der Lieder, soweit ich es aus der Entfernung erkennen konnte, war für mich sehr gelungen. Ich kann aber gleichzeitig gut verstehen, dass mancher – gerade bei ‚Comfortably Numb‘ – gerne die ursprüngliche Besetzung gesehen und gehört hätte.

Jedenfalls kann ich sagen, dass ich trotz all der Schwierigkeiten an diesem Tag immer noch glücklich bin, dabei gewesen zu sein und dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, einmalige Ereignis erleben durfte.

Im Konzertprogramm war die Veröffentlichung des Konzerts als CD, LP und Kassette für den 23. August angekündigt. Ich glaube, dass es dann aber noch bis in den September gedauert hatte.

Einige recht passable Fotos sind mir von der Show gelungen. Aber wie schon in meinen anderen Berichten, so auch hier: die Dias sind noch nicht digitalisiert. Lediglich zwei Abzüge auf Papier habe ich vor vielen Jahren machen lassen, die ich hier gerne zur Verfügung stelle.

Ein kleiner Tipp von mir: Sehr schöne und interessante Pressefotos von Zuschauern vor Konzertbeginn (in Farbe und s/w, Leute, die zum Platz strömen, in den Seitenstraßen sind, auf dem Platz stehen, sitzen und warten, Programme verkauft werden) gibt es auf der Seite www.ddrbildarchiv.de mit dem Suchbegriff berlin 21.07.1990 konzert pink floyd. Dies vermittelt einen guten Eindruck was damals los war. Und vielleicht findet sich ja der/die eine oder andere dort wieder.

Vertiefend:

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2 Antworten

  1. Werner Werner sagt:

    Ich danke dir, Thomas, für diesen Zeitzeugenbericht inkl. Fotos!

  2. Avatar Ralf sagt:

    Danke Thomas für diese ausführliche Beschreibung eines wirklich einmaligen Events in Location, Größe und Besetzung. Ich war damals besessen davon, diese Show 1990 unbedingt live zu erleben, hatte ich die Dortmund 1981 Wall-Shows nicht erleben können bzw. dürfen wegen zu jung und kein eigenes Geld. Ich habe 2 Tickets gekauft (von den laut VVK angekündigten 50.000) und besitze eines der beiden heute noch. Rund 350.000 stürmten zum Teil über Absperrungen hinweg den damals noch großflächig unbebauten Potsdamer Platz.

    Bei all den Unzulänglichkeiten (Sound nicht gut, teilweise Ausfall, chaotische Abwicklung) blieb in unserem Umfeld, auf Höhe der PI, Lichtmasten alles friedlich. Auch bei der Massenabwanderung nach Konzertende war es für uns friedlich.
    Ich bin und bleibe stolz, dankbar und zufrieden dabei gewesen zu sein, wie du.

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